Eine Kolonie bekannter Künstler

(Landeszeitung, 05./06. Januar 2013, Seite 11)

Eine bewegte Vergangenheit hat das Haus Nummer 87 in Scharnebeck. Dort bot Heinrich Krumstroh nach Ende des Zweiten Weltkriegs ausgebombten Hamburger Künstlern für einige Jahre ein neues Zuhause - die Geburtsstunde der "Scharnebecker Künstlergemeinschaft". Das Umfeld des Gebäudes war damals kaum bebaut, wie die Luftaufnahme zeigt. Am 4. April 1951 eröffnete Krumstroh dort das Scharnebecker Krankenhaus.

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Viele Jahre lebte auch der Schauspieler Will Quadflieg (l.) in Scharnebeck. Räume für die Künstler stellte das Ehepaar Olga und Heinrich Krumstroh (r.) im heutigen Krankenhaus bereit.

Von Silke Elsermann

Fotos/Repros: sel (3), dpa

Scharnebeck. Klangvolle Namen reihen sich auf der Mitgliederliste der Scharnebecker Künstlergemeinschaft aneinander: 38 Musiker, Maler, Komponisten, Schauspieler, Schriftsteller und Verleger. Fast liest sich die Liste wie ein Auszug des "Who is who in Germany" aus den 1930er- und 1940er-Jahren. Für einige Jahre waren die Künstler auch räumlich vereint, lebten nach dem Zweiten Weltkeig Tür an Tür in einem großen Backsteinhaus im Herzen Scharnebecks, im Haus Nummer 87 (heute Hauptstraße 19). Dort wohnte seit 1943 Familie Krumstroh, Heinrich Krumstroh (Jahrgang 1896) hatte das Haus dem Schlachter Wiechel abgekauft.

Seit Beginn des 18. Jahrhunderts sind die Krumstrohs als Landwirte in Scharnebeck ansässig, engagieren auch für die Musik. Heinrich Krumstroh ist als Organist tätig, leitet den Posaunen- und den Kirchenchor. Zu Hause kommen Klaviere, Flügel und eine Orgel bei Mozart- und Bach-Konzerten regelmäßig zum Einsatz.

Beim Musikliebhaber und Menschenfreund Krumstroh finden viele ausgebomte Hamburger eine Unterkunft - und eine Art künstlerische Heimat. Er stellt ihnen Räume in dem Haus zur Verfügung, das er später zum Krankenhaus umbaut. "Es begann im Krieg, als auf Hamburg die ersten Bomben fielen. Ich hatte von einem Schulfreund, der Scharnebeck verließ, ein Bauernhaus mit Stallungen und Remisen gekauft und nahm darin obdachlos gewordene Hamburger auf. Es kamen immer mehr, bis ich schließlich elf Familien mit 19 Kindern um meinen Herd hatte", erzählte Krumstroh der Hildeheimer Allgemeinen Zeitung im Dezember 1969.

"Die Künstler waren recht präsent in Scharnebeck, haben in der Landwirtschaft geholfen und im Ort Konzerte gegeben", sagt Willi Sgodzaj. Der Hobby-Historiker hat sich mit der Vergangenheit des Krankenahuses beschäftigt und die Geschichte für die Scharnebecker Chronik zusammengetragen.

Das wichtigste Dokument ist die "Mitgliederliste der Scharnebecker Künstlergemeinschaft" mit ihrem Ehrenvorsitzenden Wilhelm Kempff (1895-1991) - berühmter Pianist, der ab 1940 mit Herbert von Karajan und später mit Yehudi Menuhin zusammenarbeitete. Der Dirigent Eugen Jochum (1902-1987), von 1934 bis 1949 Generalmusikdirektor der Hamburger Staatsoper, kam in Scharnebeck ebenso unter wie das seinerzeit berühmte Corda-Quartett, das Zernick-Quartett und das Quartett um Professor Wilhelm Stross, zu dem auch der Cellist Rudolf Metzmacher, Vater von Ingo Metzmacher (Generalmusikdirektor in Hamburg von 1997-2005) gehörte. Der Schriftsteller Richard Benz (1884-1964) lebte hier Tür an Tür mit dem Verleger Ernst Rohwohlt (1987-1960). Viele Zeitungsartikel bescheiben das harmonische Miteinander, die Hilfsbereitschaft und immer wieder die Großherzigkeit des Mäzens Krumstroh. In den Vereinsstatuten hieß es: "Aufgabe des Vereins ist, ausübenden Künstlern und Wissenschaftlern eine Stätte für ungestörtes Arbeiten zu verschaffen."

Der bekannte Pianist Detlef Kraus (1919 bis 2008) übernahm den Vorsitz und blieb dem Ort Scharnebeck treu, auch nachdem sich die Künstlergemeinschaft 1951 aufgelöst hatte. Er hatte sich im Südwesten des Heideortes ein kleines Haus gebaut. "Damals war hier tatsächlich Heidelandschaft, viel Wildwuchs und überall Ginster", erzählt Helga Vollert-Wessel. 1978 kaufte sie gemeinsam mit zwei befreundeten Familien dem prominenten Schauspieler Will Quadflieg sein 6000 Quadratmeter großes Grundstück ab und ließ dort ihr eigenes Heim errichten. Das ehemalige Häuschen Quadfliegs steht noch immer in ihrem Garten, aber ansonsten erinnert nicht mehr viel an die Künstlerkolonie. "Der Blick ging damals weit über das Land bis zur Artlenburger Mühle", erzählt Vollert-Wessel und blättert in einem kleinen Fotoalbum. Das hat die ehemalige Schulleiterin von ihrer 1981 verstorbenen Nachbarin, Charlotta Zülch-Meentsen, erhalten.

Charlotta Zülch-Meentsen stammte aus einer betuchten Bremer Reederfamilie, war mit einem reichen Hamburger Tabakhändler verheiratet, musste allerdings nach der Scheidung als Stimm- und Gesangslehrerin arbeiten - in Scharnebeck. Sie wohnte zwischen Detlef Kraus und Will Quadflieg. Auf Wasser- und Stromanschluss mussten Scharnebecks prominnente Neubürger verzichten, das Wasser wurde per Pumpe geschöpft. Erst mit dem Bau des Elbe-Seitenkanals 1976 wurde eine Wasserleitung gelegt.

An Will Quadflieg, der durch seine "Faust"-Interpreation an der Seite von Gustaf "Mephisto" Gründgens berühmt geworden war, später dem TV-Publikum im "Großen Bellheim" im Gedächtnis blieb, erinnert sich Vollert-Wessel als einen "bescheidenen, warmherzigen Mann". Der Vater von fünf Kindern, darunter Christian, "Der Landarzt", musste sein Scharnebecker Grundstück nach seiner Scheidung verkaufen. Auch die Ehe des Pianisten Kraus, der mit Maria, einer Tochter von Charlotta Zülch-Meentsen verheiratet war, scheiterte. Doch Kraus blieb Scharnebeck treu, gab regelmäßig Konzerte in der Domäne.

Die besondere Geschichte des Hauses Nr. 87 ging auch nach der Auflösung der Künstlergemeinschaft weiter. Am 4. April 1951 eröffnete Krumstroh dort ein Krankenhaus mit 14 Betten und der Idee, Schulmedizin und Naturheilkunde zu verbinden. Seit dem 1. April 1953 führte es ganz offiziell die Bezeichnung "Spezialkrankenanstalt für biologische Behandlung" - "als einziges seiner Art im Raum Lüneburg-Celle", wie die Landezeitung im Juli 1953 berichtete. Das Medien-Interesse war groß, selbst die Bild am Sonntag berichtete 1969 über den "Bauern mit 54 Patienten". Versorgt wurde das Krankenahsu mit Produkten aus der eigenen Landwirtschaft, zu der auch Bienenstöcke und Fischteiche gehörten. Und auch die Konzerte im "Künstler-Haus" Krumstroh gingen noch viele Jahre weiter.

Dank

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Silke Elsermann und der Landeszeitung für die Lüneburger Heide (LZ)

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