Heimatkalender September 2007

Bullendorf, ein geteilter Ort zwischen Echem und Hohnstorf

Auf eine wechselvolle Geschichte blickt das Dörfchen Bullendorf zurück. Bodenfunde aus langobardischer und sächsischer Zeit weisen auf eine über 2000-jährige kontinuierliche Besiedlung des Dünenzuges an dem alten Elbarm der Marschwetter hin. In der Marschwetter lag eine etwas 5.000 qm große Insel. Laut späteren Urkunden ist zu vermuten, daß die Familie von Meding dort einen Hof hatte.

Im Zuge der Abtretung des linkselbischen Gebietes zwischen Bleckedr und Marschacht an Sachsen-Lauenburg ging 1228 auch Bullendorf von Braunschweig-Lüneburg an die Lauenburgischen Herzöge, die sich hier ein herrschaftliches Vorwerk einrichteten. Dieser landwirtschaftliche Außenhof wurde von einem herzoglichen Verwalter betrieben. Als erbliches Lehen kam der Hof an die Familie Gronehagen. 1443 fiel des Lehen mangels Nachfolger an den Herzog zurück. Am 5. Februar 1444 verkaufte Herzog Bernhard von Sachsen-Lauenburg sein Gut in Bullendorf "mit allen Bauten, Wällen, Holz, Acker, Wiesen, Weiden, Wassern, Abfluss, Zufluss, Gräben, Deichen, Fischerei, Jagd und Wegen und allerlei Rechten" an das Kloster Scharnebeck. Zur Auflage erhielten die Scharnebecker, daß die Grenzwallanlagen in Bullendorf nicht zu Ungunsten der Lauenburger ausgebaut werden durften. Im Zuge dieser Übereignung verzichteten die Nachkommen derer von Meding auf alle Rechte, die sich evtl. aus ihren früheren Familienbesitz erhalten hatten.

Der mündlichen Überlieferung nach errichtete das Kloster neben dem landwirtschaftlichen Betrieb auch ein Gebetshaus in Bullendorf. Bei Erdarbeiten wurden Gewölbereste gefunden, und angeblich stammt die älteste Glocke der Elbmarsch, die Hittberger Kirchenglocke "Osana", gegossen 1485, von dieser Klosteraußenstelle. Als das Zisterzienserkloster nach der Reformation 1531 augelöst wurde, kam Bullendorf als herrschaftliches Vorwerk an das Braunschweig-Lüneburgische Amt Scharnebeck und wurde verpachtet. Von den dazugehörigen Gebäuden ist uns der Lageplan aus dem Jahre 1750 überliefert, der als Vorlage für die Abbildung diente. Der Pächter zahlte im Jahre 1620 laut Amtsbuch 217 Thaler und 12 Groschen Pacht. 1740 waren es schon 340 Thaler. In den Ställen waren 3 Bullen, 8 Ochsen, 73 Kühe, 22 Stiere, 17 Starken, 580 Schafe, 64 Schweine, 12 Gänse und 40 Hühner untergebracht. Das Vorwerk gehörte zur Kirchengemeinde Echem. 1854 brannten alle Gebäude des Hofes ab. Danach wurden die Ländereien an verschiedene Bauern verpachtet. 1920/21 wurden die Parzellen an Landwirte und Bauherren in Bullendorf, Echem, Hohnstorf und Hittbergen verkauft. Daß Bullendorf ein verwaltungsmäßig geteilter Ort zwischen Echem und Hohnstorf ist, liegt an der ehemaligen Lauenburger Grenze. Während der Vorwerkshof an und in der Wetter seit der Klostezeit zum Lüneburger Land gehörte, stand das Dorf mit ein paar vereinzelten Kötnerstellen rechts der Wetter und an der Eibuferstraße bis zur französischen Besetzung 1803 unter lauenburgischer Herrschaft. Kirchlich gehören diese Lauenburger Untertanen zu Hittbergen. Ihr Teil des Dorfes war eingeständige Gemeinde, zunächst im Amt Artlenburg, dann im Amt Lüne und seit 1885 im Landkreis Lüneburg. Er wurde im Zuge der Gemeindereform 1974 Ortsteil von Hohnstorf. Im Altbaubestand des Hohnstorfer Ortsteils finden wir die verstreut liegenden reetgedeckten Brinksitzerhäuser aus dem 18. Jahrhundert (siehe Juli-Beitrag Heimatkalender 2005 von Christian Krohn).

Von der ehemaligen Vorwerksinsel in der Marschwetter ist heute nichts mehr zu sehen. Der letzte tote Arm des Flüßchens wurde beim Ausbau der Kreisstraße und dem Neubau der Brücke 1969 zugeschüttet. Die ehemalige Röttingsche Stelle gehört als einzigens Haus rechts der Wetter noch zur Gemeinde Echem. Das Haus steht auf den Grundmauern der großen Kornscheune des Vorwerks. Gegenüber, jenseits von Fluss und Straße, liegt auf einer hohen Warft der Radantsche Hof. Das Gebäude diente bis zum Aubau 1922 dem Domänenpächter von Marienthal als Heuscheune für seine Ernte aus der Breiten Wiese. Mit dem Verkauf der Vorwerksländereien setzte auch eine rege Bautätigkeit entlang der Wetter, der Kreisstraße und der Elbuferstraße ein. Die beiden Ortsteile sind bei ihren Muttergemeinden immer etwas außen vor geblieben, so daß die Bullendorfer unter sich mehr Zusammenhalt fühlen, als eine Zugehörigkeit zu Hohnstorf oder Echem.

Zeichnung und Text: Dirk Krause, Echem

Herrschaftliches Vorwerk Bullendorf um 1750

Zeichnung des Vorwerk Bullendorf

Das herrschaftliche Vorwerk Bullendorf um 1750 nach einem alten Lageplan des Amtes Scharnebeck:

a) Wohn- und Viehhaus, b) Heuscheune, c) Kornscheune, d) Hirtenhaus, e) Backhaus

Originallayout

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Heimatkalender September 2007, 1. Blatt
Heimatkalender September 2007, 2. Blatt