Heimatkalender Oktober 1999

Die Tür im Schloß Lüdersburg

Ein schlichte, geometrische Fachwerkfassade mit einer schlichten Tür - wie aus einem Guß, so präseniert sich die Fassade von Schloß Lüdersburg. Verfolgt man die Geschichte, stellt sich allerdings heraus, daß diese Tür nicht die beim Bau des Schlosses eingepaßte ist, sondern eine stilvolle Nachschöpfung.

Zunächst stand an dem Ort in Lüdersburg vermutlich die Burg des Ritters Luidharvi als Schutzposten gegen die Wenden. Urkundlich erwähnt werden als Besitzer die Edlen von Harderstorpe ca. 1200 n.Chr., ab 1225 die von Zabel/Lauenburg, ab 1328 das Geschlecht derer von Wittorf.

1775 erwarb der Oberst und Generaladjudant Adolf Ludwig von Spoercken das Lehen, und damit beginnt die Vorgeschichte dieser Tür. Auf den Grundgewölben eines älteren Gebäudes mit Kriechtunnel zur nahen Kirche ließ er das heutige Schloß errichten.

Tür des Schlosses Lüdersburg mit Treppe

Das Gebäude erlebte eine wechselvolle Geschichte, deren Einzelheiten wohl nie mehr ganz aufgeklärt werden können, da das Archiv im 2. Weltkrieg verbrannte. Sicher ist, daß das Schloß und seine Freiherren von Spoercken lange Zeit größere Rechte genossen als vergleichbare Rittergüter, zum Beispiel die Befreiung von jeglichen Einquartierungen. Dieses Vorrecht fand zum Ausgang des 2. Weltkrieges ein schonungsloses Ende: 80 Kriegsflüchtlinge wurden in das Schloß eingewiesen. Damit begann der Niedergang des Gebäudes, in dessen Verlauf von der ursprünglich eingebauten Tür nur noch die Holzverzierung des Oberlichtes übrigblieb. Auf alten Postkarten ist eine wenig passende braune Holztür mit Verglasung zu erkennen, darüber ein Glasvordach. Als um 1950 die letzten Flüchtlinge auszogen, wurde das Gebäude bis Ende 1962 von der Elbmarsch-Mittelschule genutzt (Schule und Internat).

1970 verkaufte Werner Freiherr von Spoercken das Schloß an einen Investor, der darin Wohnungen ausbauen wollte. Stattdessen aber verfiel es nur noch mehr; bald waren Fenster und Türen zerschlagen, durch das undichte Dach regnete es herein, Schwamm und Holzbock griffen die Bausubstanz an. Nach erbittertem Rechtsstreit mußte Alexander Freiherr von Spoercken die Ruine 1976 für einen vielfach höheren Preis zurücknehmen. In dieser verzweifelten Lage stellt er einen Antrag auf Abriß, um die öffentliche Hand in Bewegung zu bringen. Mit einem Zuschuß vom Land Niedersachsen und einem Darlehen vom Landkreis Lüneburg erreichte er so 1977 wenigstens den Stop des Verfalls. Die anschließende Restaurierung des Schlosses wurde eingehend mit Denkmalschützern aus Kreis und Land beraten und damit auch die Gestaltung der zweiflügeligen Holztür: getreu der Originaltür des sehr ähnlichen Schlosses Wotersen (Kreis Lauenburg). Die (umstrittene) Farbgebung am Schloß Lüdersburg wurde aufgrund alter Farbreste am Fachwerk beschlossen und die Tür farblich in Weiß und Grau angepaßt. Ob im Glas des Oberlichtes ursprünglich eine Inschrift stand (bei vielen ähnlichen Portalen üblich), ist nicht bekannt.

Heute gehen nicht mehr die von Spoercken durch diese schlichte, harmonische Tür - sie wohnen im Nebenhaus -, sondern internationales Golfpublikum, das die 16 Wohnungen im dem Schloß bewohnt und durch seine Mietzahlungen zum kostspieligen Erhalt des Schlosses und seines neuen "alten" Portals beiträgt.

Bilder und Text: Ose Röckseisen, Scharnebeck

Das Schloß Lüdersburg

Schloß Lüdersburg

Front des Schlosses Lüdersburg, auf dem Podest Alexander Freiherr von Spoercken, links ein Golfwagen. Die umstrittene Farbgebung am Gebäude wurde aufgrund alter Farbreste am Fachwerk beschlossen und die Tür farblich in Weiß und Grau angepaßt. Fotopostkarten belegen, daß die Fassade ab 1897 im Wechsel hell gestrichen oder das rote Mauerwerk mit Holzfachwerk sichtbar war.

Originallayout

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Heimatkalender Oktober 1999, 1. Blatt
Heimatkalender Oktober 1999, 2. Blatt